Forschung

Wege in die (leibliche) Elternschaft. Konsens- und Dissensmanagement aus paardynamischer Sicht

Projektpublikationsliste Projektbeschreibung beim DJI

Fragestellung

Junge Frauen und Männer sind heute weniger strikt als etwa noch vor zwei Generationen auf ein Lebensprogramm für Paare festgelegt, das auch Kinder einschließt. Sie stehen vielmehr vor der Herausforderung, ihr Leben selbst zu steuern und Verantwortung für ihren Lebensverlauf zu übernehmen. Dies gilt auch in Bezug auf die Kinderfrage. Wie aber bewältigen sie diese Aufgabe? Zu Beginn des Forschungsprojektes lag der Fokus des Interesses auf möglichen Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen. Dann aber stellten wir in Probeinterviews fest, dass uns über Erzählungen der PartnerInnen sehr wohl auch körperliche Praktiken, Praktiken des Verhütens, Zeugens und Empfangens zugänglich sind. 42 narrative Einzel- und Paarinterviews boten uns einen tiefen Einblick in die black box der Paardynamik.

Die wichtigsten Ergebnisse

Es gibt auch heute noch viele Paare, die die Kinderfrage nicht diskutieren, weil ein Leben nach dem in der Bundesrepublik kulturell und institutionell verankerten Lebensprogramm für sie selbstverständlich ist. Für diese Paare ist ein gemeinsames Kind nach der Konsolidierung und Bewährung ihrer Paarbeziehung „der nächste logische Schritt“, wie sich einer der befragten Väter ausdrückt. Andere, religiös stark gebundene Paare verstehen Kinder als Geschenke Gottes. Auch sie brauchen keinen Diskurs über die Kinderfrage. Sie lassen sich die Kinder „schenken“ und verzichten über viele Jahre auf jede Steuerung ihres Familienbildungsprozesses. In kurzen und (noch) unverbindlichen Paarbeziehungen scheinen sich die meisten Paare unausgesprochen darin einig zu sein, dass sie mit ihrem Geschlechtsverkehr jetzt kein Kind zeugen wollen. Irrtümer, Versäumnisse und mangelnde Kommunikation führen bei diesen sexuell aktiven Paaren gelegentlich zu einer Schwangerschaft, über die niemand bewusst entschieden hat. Sie „stolpern“ in die Elternschaft oder werden „übertölpelt“, wie sie sich ausdrücken. So geht es auch manchen langjährigen PartnerInnen, die die Zeit für ein Kind für sich eigentlich noch nicht als gekommen sehen.

In Milieus, in denen eine Familiengründung auch nach Bewährung einer Paarbeziehung nicht mehr selbstverständlich ist, gehen viele Frauen und Männer davon aus, dass sie erst einmal den ‚richtigen‘ Partner bzw. die Partnerin dafür finden müssen. Sie versuchen, mehr oder weniger verdeckt Klarheit über die Haltung ihres Partners bzw. ihrer Partnerin zu gewinnen und im Falle eines Dissens den anderen zu beeinflussen. Die Auseinandersetzung mit dem Dissens und ggf. auch der Wechsel von der Verhütung zur Prozeption ist für diese Paare eine brisante Phase.

 

Auf der Basis des Interviewmaterials werden derzeit verschiedene Publikationen vorbereitet und zwar von Dr. Anna Buschmeyer, Dr. Waltraud Cornelißen und Dr. Birgit Heimerl. Bereits erschienen und zugänglich ist: 
Cornelißen, Waltraud: Das Timing von Kindern. Relationale Praktiken in spätmodernen Beziehungswelten, in: Journal für Psychologie 1/2016